Melissa Quint, Abiturientin von 2017, ist keine Unbekannte am Anno-Gymnasium, aber als „Zeitzeugin der dritten Generation“ eine der jüngsten, wenn es um Gedenken und Wachhalten von Erinnerungen an die Opfer und an die Gräuel der Nazizeit geht. Auch am 9. November 2020 war sie wieder an ihrer alten Schule zu Gast und brachte den Jugendlichen der Jgst. 11 in Wort und Bild das Schicksal ihres Großvaters Willi Moritz Kessler nahe, den sie gern persönlich kennengelernt hätte. 1993, einige Jahre vor ihrer Geburt, war er gestorben. Sie ist seine einzige Enkelin. Von seiner fünfköpfigen jüdischen Familie aus Berlin hatte nur er den Holocaust überlebt. Sein Lebenswille „Einer muss überleben“ ist für sie Motor und Auftrag zugleich, das Erinnern an ihn stellvertretend für ungezählte andere Opfer der Nazidiktatur wachzuhalten.

In ihrer Schulzeit hatte sie sich gemeinsam mit ihrer Religionslehrerin, Pfarrerin Annette Hirzel, auf Spurensuche gemacht. Einiges hatte ihr Großvater selber aufgeschrieben, einiges in den 1980er Jahren einem Bonner Studentenkreis erzählt, der es schriftlich festgehalten hatte. Auch Melissas Vater und ihre Tante trugen bei, was sie von ihrem Vater wussten. Sie sammelte Daten und Fakten und Informationen und trug auf beeindruckend nüchterne Art vor, was der Familie ihres Großvaters mit dem Wendepunkt der „Reichskristallnacht“ in Berlin widerfahren war, mit dem die Vertreibung und Auslöschung dieser Berliner Familie eingeläutet worden war. Als erster fiel Willis Vater bei der Ankunft in Auschwitz der Willkür junger SS-Männer zum Opfer, die ihn vor den Augen seiner Söhne totschlugen, weil er sich nicht von ihnen hatte trennen lassen wollen. Auch die beiden Brüder von Willi hatten Auschwitz nicht überlebt. Melissas Großvater selbst hatte nach schier unmenschlicher und auszehrender Sklavenarbeit und dem Todesmarsch Anfang 1945 von Auschwitz nach Buchenwald, den viele nicht überlebten, am 11. April seine die Befreiung erlebt. Seine letzte Hoffnung aber, dass seine Mutter und seine Schwester überlebt haben könnten, zerplatzte.

So machte er sich auf den Weg nach Berlin, um vielleicht noch Bekannte oder Verwandte wiederzufinden. Im ehemaligen Elternhaus, das längst von einer fremden Familie bewohnt wurde, fand er in einer Kommode noch Fotos seiner ermordeten Familienangehörigen, die Melissa von ihrem Opa „geerbt“ hat.

Willi Kessler, der einige Zeit nach seiner Befreiung völlig entkräftet zusammenbrach, kam schließlich in eine Lungenheilanstalt im Oberbergischen und konnte sich langsam erholen. Hier lernte er auch seine Frau kennen, die eine Tochter und 15 Jahre später einen Sohn zur Welt brachte. Einige Aktenordner voller Collagen aus gesammelten Zeitungsartikeln hat Willi seiner Familie hinterlassen, mit denen er dokumentiert hatte, was der Holocaust bedeutet.
Dass das Kriegsende nicht das Ende von Antisemitismus markiert, hatten er und seine Frau oft zu spüren bekommen. Auch heute ist das unübersehbar.

056

Nicht nur an den Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft sind hetzerische Parolen, eine nationalistisch-völkische Ideologie und abstruse Verschwörungstheorien angekommen. Laut Innenministerium wurden 2019 bundesweit rund 2000 Taten gegen Juden und jüdische Einrichtungen verübt. In Halle im Oktober 2019 zeigte sich auf offener Straße, wozu dieser Hass bereit und fähig ist. Auch was in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geschah, geschah vor aller Augen…

(Annette Hirzel, Pfarrerin am Anno-Gymnasium Siegburg)

Siehe auch Homepage des Städt. Anno-Gymnasiums:
"WENN DIE DRITTE GENERATION AN AUSCHWITZ ERINNERT..."
„MEIN GROSSVATER WILLI KESSLER – AUSCHWITZ-HÄFTLING NUMMER 99998""