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Freiwilligendienst im internationalen Friedensdorf Nes Ammim
Nes Ammim, wörtlich „Zeichen der Völker“, im Norden Israels ist eine nach dem Holocaust entstandene christliche Siedlung mit jüdischen und arabischen Familien und vielen europäischen Volontären.
Jugendliche, die dort als Freiwillige eine Zeitlang arbeiten wollen, werden hautnah miterleben, wie Juden, Muslime, Christen und Drusen dort miteinander umgehen, was sie glauben und wie sie den Alltag bewältigen.

Vor ca. 120 Oberstufenschülerinnen und –schülern referierte Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann über den Alltag eines in der Friedensarbeit engagierten Christen in Israel.


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Schulleiter Sebastian Kaas begrüßt Dr. Rainer Stuhlmann (Foto: A. Hirzel)

Nach seiner Pensionierung von 2011 bis 2017 leitete er das Studienprogramm der Freiwilligenarbeit in Nes Ammim. Dazu gehört die Arbeit im internationalen Gästehaus und im Garten- und Hausmeisterarbeiten ebenso wie die Seminararbeit im jüdisch-christlich-muslimischen Dialog. In der Freizeit stehen Exkursionen und Begegnung in Israel und den palästinensischen Gebieten auf dem Programm. Anders als die touristischen Israelreisen, die sich innerhalb des durch Zaun und Mauer gesicherten Staatsgebietes abspielen, höchstens ergänzt mit einem kurzen Abstecher ins palästinensische Bethlehem, erleben die Volontäre auch die Menschen und Lebensbedingungen auf der palästinensischen Seite.

In Israel begegnen junge jüdische Männer und Frauen in ihrem obligatorischen Militärdienst an den Grenzposten häufig zum ersten Mal den verhassten palästinensischen Gleichaltrigen. Palästinensische Jugendliche wiederum können sich kaum vorstellen, dass es auf jüdischer Seite etwas anderes als Feinde gibt, die mit Steinen beworfen und vertrieben werden müssen. Der erbitterte gegenseitige Hass scheint tief verwurzelt und unüberwindlich.
Mit vielen Fotos erläutert Rainer Stuhlmann diese blutige Konfliktgeschichte, von der man ständig im Fernsehen hört, ohne die Hintergründe zu kennen.
Er erinnert daran, dass es in Israel, dem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, freie Wahlen, freie Presse und eine funktionierende Gewaltenteilung gibt. In besonderer Weise bleibt Deutschland dem nach dem Holocaust 1948 von der UN als Staat gebildeten jüdischen Zufluchtsland solidarisch verpflichtet, in dem seit Jahrtausenden Juden leben. An vielen Beispielen macht er die alltägliche Bedrohung sichtbar, mit der dieses kleine Land inmitten muslimischer Staaten konfrontiert ist, die sein Existenzrecht ablehnen, die Juden vertreiben und „ins Meer jagen“ wollen und immer wieder mit Granaten und Bomben beschießen. Dass in zwei Krankenhäusern im Norden Israels auch verwundete syrische Soldaten aus Feindesland gesundgepflegt werden, die danach in ihre Heimat zurückkehren können, gehört zu den guten Nachrichten, die in der Weltpresse kaum Beachtung finden.

Er erinnert aber ebenso an die 1948 als Waffenstillstandsgrenze vereinbarte Greenline, die auch der nichtjüdischen, muslimischen, christlichen und drusischen Bevölkerung, die dort immer schon lebten, einen eigenen Staat ermöglichen sollte. Diese Grenze hat Israel im Zuge der Angriffskriege, aus dem das hochmilitarisierte Land entgegen dem Kalkül der Angreifer als Sieger hervorging, immer weiter verschoben. Der Staat Israel ist heute weit größer als es der Teilungsplan von damals vorsah. Bis heute ist eine Zweistaatenlösung nicht in Sicht.
Rainer Stuhlmann prangert die israelische Siedlungspolitik in der Westbank offen an als „Instrument stillschweigender Einverleibung palästinensischer Gebiete“. Er gerät dabei selbst immer wieder „zwischen die Stühle“. Die Mauer, die seinerzeit zu Israels Sicherheit gebaut werden sollte, sieht er eher als Ursache denn als Schutz gegen die fortdauernde antiisraelische Gewalt. Sie geht teilweise mitten durch arabische Wohngebiete und enteignet deren Besitzer, was der Referent an bedrückenden Einzelschicksalen vor Augen führt.
Umso beeindruckender sind die Initiativen, die die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen wollen, und zwar auf beiden Seiten.
Er verweist darauf, dass die Kritik an der israelischen Siedlungspolitik auch von vielen Israelis geteilt wird. Immer mehr Juden, Muslime und Christen treten gemeinsam für ein Miteinander ein, das den Hass ihrer Völker überwindet: „Wir weigern uns Feinde zu sein“ ist das Mut machende Motto einer palästinensischen Familie gegen ihre unrechtmäßige Enteignung, das auf beiden Seiten Kreise zieht und die politisch Verantwortlichen hüben wie drüben auffordert, alles für eine friedliche Koexistenz zu tun, in welcher demokratischen Staatsform auch immer.
„Es gibt keine Freiheit für Palästina ohne Sicherheit für Israel. Es gibt keine Sicherheit für Israel ohne Freiheit für Palästina“, davon ist Dr. Stuhlmann überzeugt. Er erinnert sich noch gut an eine Predigt über Ps 133 im Jahr 1986, die er in seiner damaligen Kirchengemeinde St. Augustin-Mülldorf gehört hat: „Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“
Der Prediger habe damals gesagt, diese Hoffnung sei im alten Israel so unrealistisch gewesen wie die Vorstellung, die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland könnte fallen oder Nelson Mandela könnte Präsident Südafrikas werden oder für Israel und Palästina könnte es Frieden geben.
Zwei dieser 1986 visionären Vorstellungen sind Realität geworden - Grund genug, daran weiterzuarbeiten, dass auch die noch unerfüllte Hoffnung einer friedlichen Koexistenz in Israel und Palästina wahr wird.
Dieser unentbehrlichen Völkerverständigung im Dialog dient die Friedensarbeit in Nes Ammim. Seit der Gründung haben schon über 1000 junge Freiwillige aktiv daran mitgewirkt. Wer nach dem Abitur Interesse hat an der Freiwilligenarbeit in Nes Ammim, findet auf www.nessammim.de weitere Informationen.


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Viele Jugendliche bekommen einen authentischen Einblick in den spannungsgeladenen Alltag in Israel und Palästina (Foto: A. Hirzel)

Schüler-O-Töne:
- „Der Vortrag über den Konflikt zwischen den Israelis und Palästinensern hat mir gezeigt, dass es immer zwei Seiten gibt, deren individuelle Perspektiven man berücksichtigen muss, bevor man jemandem die Schuld für die Umstände dort zuweisen könnte. Und dass es trotz des scheinbar unlösbaren Konfliktes viele Hoffnungsträger gibt, bei denen man sogar selbst direkt mitwirken kann, um das friedliche Zusammenleben beider Seiten zu unterstützen.“

- „In seinem Vortrag hat Dr. Stuhlmann einen sehr umfangreichen Überblick über die Situation in Israel geliefert. Dies hat sehr geholfen, den Konflikt besser zu verstehen, der in den Nachrichten immer nur zum Bruchteil erläutert wird. Es war sehr beeindruckend, von den Friedensprojekten zu hören, die neue Hoffnung wecken, dass Juden und Palästinenser eines Tages in Frieden zusammenleben können.“

- „Der Vortrag war eine Erfahrung, die ich gerne noch einmal erleben würde. Einen Vortrag über einen Konflikt, der uns alle beschäftigen sollte. Beide Seiten wurden von Herrn Stuhlmann optimal erläutert. Wir wurden sehr nah und geschickt an die Situation herangeführt, zum einen auch durch die eigenen Erfahrungen von Herrn Stuhlmann. Außerdem wurden sehr anschauliche Bilder verwendet, die den Vortrag noch spannender machten. Rainer Stuhlmann hat mir den Konflikt viel näher gebracht.“

- „Herr Dr. Stuhlmann schilderte die Lage in Israel aus erster Hand. In der westlichen Welt bzw. deren Medien ist die Situation meist sehr einseitig dargestellt, jedoch muss eben auch die Aggression seitens israelischer Soldaten und die Enteignung von Palästinensern beobachtet werden. Das Projekt, welches von Herrn Stuhlmann unterstützt wird, ist der Versuch, die seit 70 Jahren bestehende Feindschaft zu beenden.“

- „Herr Dr. Stuhlmann beleuchtete sehr eindrucksvoll die Problematik des Konflikts in Israel mit Palästina von beiden Seiten. Zudem stellte er das Dorf Nes Ammim sehr lebhaft dar und erklärte anschaulich die Möglichkeiten des Engagements.“

Dr. Rainer Stuhlmann ist ehemaliger Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde St. Augustin, war 10 Jahre lang Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein, danach Schulreferent in Köln und hat nach seiner Pensionierung 2011 bis 2017 die Studienleitung von Nes Ammim übernommen.
Seine „Alltagsnotizen eines Christen in Israel und Palästina“ hat er zusammengefasst in dem Buch „Zwischen den Stühlen“, erschienen im Neukirchener Verlag (12,99 €).

Annette Hirzel, Schul-Pfarrerin am Anno-Gymnasium