Der „Pianist aus den Trümmern“ Aeham Ahmad, palästinensischer Flüchtling aus Syrien, hat das Anno begeistert.

Ein ganz besonderes Erlebnis für ca. 200 Jugendliche am Anno: Vom Steinway-Flügel in der Aula erklangen nie gehörte raumfüllende Klänge, zu Herzen gehende Melodien und paukende „Saitensprünge“, begleitet von unverwechselbarem arabischem Gesang von Aeham Ahmad, staatenloser palästinensischer Flüchtling, der sie musikalisch mit auf die Reise nahm in seine vom Bürgerkrieg zerstörte syrische Heimat.

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(Foto: A. Hirzel)

Ein ungebremstes musikalisches Plädoyer für Menschlichkeit, Versöhnung und Frieden, das keiner Übersetzung bedurfte. Mit Lesungen von Karolin Odenthal, Felix Reinhard und Henrik Küper (EF) aus seiner wunderbaren Biografie „Und die Vögel werden singen“ wurde seine Musik in seine berührende Lebensgeschichte eingebettet.
Aeham Ahmad, so hatten die Jugendlichen zuvor in einem Bildervortrag zu den Hintergründen des Syrienkrieges und seiner Familienbiografie erfahren, stammt aus Jarmuk, dem größten der zehn palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien. Seine Großeltern gehörten zur Generation der Palästinenser, die nach der Staatsgründung Israels in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen Nachbarländern ihre Heimat verlassen mussten und nach Syrien flohen. Hier war er aufgewachsen mit seinem blinden musikbegeisterten Vater und seiner Mutter, einer Lehrerin, hatte geheiratet und wurde selbst Vater zweier Söhne. Schon früh und gegen alle Widerstände hatte er eine ausgezeichnete Klavierausbildung erhalten. Musik war und ist sein Leben.

Jarmuk hatte sich über die Jahrzehnte zu einem quirligen Stadtteil entwickelt. Bis 2011 lebten hier ca. 160.000 Menschen. Dann kam der Bürgerkrieg zwischen palästinensischen Milizen, Dschihadisten und syrischer Armee, undurchschaubar verquickt mit ausländischen Interessen. Jarmuk wurde in Schutt und Asche gelegt und glich, so der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, „einem Todeslager“.
In diesem Elend holte Aeham sein Klavier auf die Straße und begann mit Freunden und v.a. mit Kindern zu singen und zu spielen. Alltagserfahrungen wurden vertont, Lebensgeschichten gesungen, nicht nur die Kinder saugten mit jedem Ton Hoffnung auf. Musik als friedlicher Protest gegen kulturlose Barbarei und Krieg. Beim Granatenbeschuss wurde seine rechte Hand schwer verletzt. Nach einer notdürftigen OP trainierte er die Sehnen und machte weiter. Freunde setzten Fotos und Filme vom „Pianist aus den Trümmern“ ins Netz, die um die ganze Welt gingen. Bis der IS, in deren kulturfeindlicher Weltanschauung Musik „haram“, verboten ist, sein Klavier vor seinen Augen verbrannte. Aeham konnte gerade noch rechtzeitig fliehen.

In diesem Krieg sind ca. 400.000 Menschen getötet worden. 2015 waren 12 Millionen Syrer auf der Flucht, 5 Millionen gelang die Flucht aus dem Land. Einer davon ist Aeham Ahmad: unermüdlicher Botschafter der Musik, die alle Grenzen zwischen Menschen und Nationen überwindet.

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Foto: A. Hirzel

Nach dem 90minütigen musikalischen Feuerwerk und langem Applaus im Stehen blieben die meisten Jugendlichen einfach sitzen, um mehr von diesem unglaublich sympathischen Menschen zu erfahren, der blindem Hass und zerstörungswütiger Menschenverachtung im zerbombten Damaskus klavierspielend und singend entgegengetreten war und heute in Deutschland und anderen Ländern zum musikalischen Friedensbotschafter geworden ist.

Schulleiter Sebastian Kaas freute sich, als Gäste auch die stellvertretende Bürgermeistern Dr. Susanne Haase-Mühlbauer, Pfarrer Carsten Schleef als Vertreter des Ev. Kirchenkreises An Sieg und Rhein, Norbert Michels, Geschäftsführer Diözesanrat Köln, und Ingrid Schaeffer-Rahtgens, Tochter eines am Attentat auf Hitler 1944 beteiligten Widerstandskämpfers, begrüßen zu können.

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Foto: J. Jones

Aeham hatte vor Beginn des Konzerts unsere Anno-Ansteck-Eule am Revers von Herrn Kaas entdeckt und ihm erklärt, dass dieses Symbol in Syrien Glückssymbol ist. So freute er sich ganz besonders, als Herr Kaas ihm die Anno-Eule zum Anstecken übereichte.

Dank der finanziellen Unterstützung der Ev. Kirche im Rheinland hatte Schul-Pfarrerin Annette Hirzel den „Pianist aus den Trümmern“ einladen können.

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Die Lektüre seiner Biografie „Und die Vögel werden singen (Fischer-Verlag 2017, Paperback 13 €) lohnt sich sehr!

Annette Hirzel