Eine Heißluftballonfahrt mag ein prickelnder Höhenflug sein, um ein paar Stunden über den Alltag hinwegzuschweben und den „open air“- Blick zu genießen.
Für Günter Wetzel und seinen Freund Peter Strelzyk mit ihren Familien vor 40 Jahren, im September 1979, war sie alles andere: nämlich eine hochgefährliche, dramatische und erst im dritten Anlauf knapp gelungene Flucht mit einem selbstgenähten Ballon aus der DDR in die Freiheit. Eine solche Flucht aus der DDR ist danach niemandem mehr gelungen. Dafür hatte das DDR-Regime gesorgt. Wären sie damals erwischt worden, man hätte wahrscheinlich über ihr Schicksal und das der 4 Kinder nichts erfahren.

2018 hatte Bully Herbig, eigentlich als Komiker bekannt (Regisseur von „Schuh des Malitu“), diese wahre und so gar nicht komische Geschichte als Kinofilm „Ballon“ auf die Leinwand gebracht. Anlässlich 30 Jahre Mauerfall (9. November 1989) war Günter Wetzel zu Gast am Anno. Er war direkt aus Berlin angereist, wo er zuvor mit Bully Herbig zum ZDF-Talk bei Dunja Hayali eingeladen worden war.
ballon1Schulleiter Sebastian Kaas und Günter Wetzel, im Hintergrund der riesige Fluchtballon neben einem Ballon damals üblicher Größe

Die Jahrgangsstufen 11 und 12 hatten zur Vorbereitung auf dieses ganz besondere Zeitzeugengespräch den Kinofilm in gekürzter Version kennengelernt und waren schon davon fasziniert. Umso spannender war es für sie, den Mann persönlich kennenzulernen, der den Ballon als 24Jähriger eigenhändig genäht hatte.

Günter Wetzel begann seinen umfangreich bebilderten Vortrag mit einem fesselnden Geschichtsrückblick, was es bedeutete, in den 1950er Jahren in Ostdeutschland aufzuwachsen. Durchaus glücklich empfand er seine Kindheit, auch sein späteres privates Leben war schön. Aber der wachsende politische Einfluss des alles kontrollierenden und reglementierenden Regimes, dem sich keiner entziehen konnte, trieb ihn mehr und mehr weg. Im frühen Babyalter begann der sozialistische Erziehungseinfluss in den Krippen und Kindergärten und prägte Schule und Jugendzeit. Als Günter Wetzel 5 Jahre alt war, war sein Vater in den Westen geflohen. Dem Sohn blieb deshalb Jahre später ein Studium verwehrt. Er wurde zunächst Maurer.

Die Verlogenheit des Regimes hatte sich nur wenige Tage vor dem Mauerbau 1961 gezeigt, als Walter Ulbricht, Chef der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), öffentlich proklamierte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Damit war die seit 1952 bestehende, insgesamt 1400 km lange Grenze auch in Berlin endgültig geschlossen worden.
Wieviele Fluchtversuche misslangen und mit dem Tod endeten, liegt im Dunkeln. Die Ermordeten oder durch Tretminen Umgekommenen oder Ertrunkenen galten offiziell als verschwunden.
Der Gedanke an Flucht verdichtete sich bei Günter Wetzel. Nach seiner Heirat war er mit seiner Frau ins thüringische Pößneck gezogen. Hier hatte er den Arbeitskollegen Peter Strelzyk kennengelernt, der nach außen aktiv in der SED war. Aber der Gedanke, die DDR zu verlassen, verband die beiden Männer. Sie verdienten als quasi selbständige Elektroinstallateure - offiziell im Rahmen der Feierabendarbeit, de facto aber in Ganztagsbeschäftigung - nicht schlecht.
Eine West-Verwandte brachte einmal ein Heft mit einem Bericht über Heißluftballons mit. Günter dachte sich, dass es doch nicht schwer sein könnte, so einen „Sack zu nähen“, „heiße Luft reinzupusten“ und damit aufzusteigen. Wetzel schätzte die nötige Ballonhöhe in ungefähr von den Fotos, berechnete die Größe – 1800 Kubikmeter - und den nötigen Stoffverbrauch. Strelzyk war von der Idee überzeugt.
Staunend hörten und sahen die Jugendlichen von den Berechnungen, Zeichnungen, Plänen, den immer neuen Versuchen, in der DDR ohne aufzufallen an genügend Stoff ranzukommen, vom Brennerbau mit Wasser- und Ofenrohren, von der mit Wäscheleinen umspannten Gondel und den endlosen Nähten, um die Stoffbahnen zu einem Ballon zusammenzufügen.
ballon2Günter Wetzel 1978/79 mit der Tretnähmaschine

Der erste aus zu schwerem Stoff genähte Ballon konnte nicht richtig abheben. Den zweiten Fluchtversuch mit einem diesmal von Günter Wetzel mit Elektronähmaschine genähten Ballon unternahm die befreundete Familie am Ende allein. Der Familie Wetzel mit ihren beiden kleinen Kindern war das zu riskant.
Dieser wiederum missglückte Versuch mit abgestürztem Ballon hinterließ aber Spuren, denen die Stasi minutiös nachging und die für beide Familien lebensgefährlich werden konnten. So blieb ihnen nichts übrig als es noch einmal zu versuchen, bevor die Stasi ihnen auf die Spur kam. 2000 Seiten Stasiakten, die Günter Wetzel erst Jahrzehnte später zu lesen bekam, zeugen davon, dass das alles noch viel gefährlicher gewesen war als ihnen damals bewusst war.
Mit dem dritten selbstgenähten Heißluftballon – 4200 Kubikmeter groß, zur damaligen Zeit der größte Ballon in Europa – Mitte September 1979 gelang ihnen nachts die Flucht. Als nach 28 Minuten das Gas aufgebraucht und der Ballon hart gelandet war, wussten sie noch nicht, ob sie es wirklich über die innerdeutsche Grenze bis nach Bayern geschafft hatten.
ballon3Günter Wetzel zeigt ein Foto vom von der Stasi dokumentierten Fluchtort mit Auto

„Es sind mittlerweile viele Jahre vergangen, seitdem wir mit unserem selbstgebauten Heißluftballon die ehemalige DDR verlassen haben“, schreibt Günter Wetzel auf seiner Homepage. „Es hat sich seitdem vieles verändert, auch die DDR gibt es nicht mehr. Vieles aus dieser Zeit scheint mittlerweile in Vergessenheit geraten zu sein, andererseits gibt es auch viele junge Menschen, die diese Zeit gar nicht mehr kennengelernt haben, oder zu jung waren, um sich noch daran zu erinnern. Ich habe mich deshalb entschlossen, die Geschichte unserer Flucht … von Anfang an, mit vielen Detailinformationen zu beschreiben. Ein wesentlicher Grund dafür, dass vieles falsch dargestellt wurde und wird ist wahrscheinlich der, dass ich mit meiner Familie von Anfang an nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen war. Bei unserer sehr harten Landung hatte ich mir einen Muskelfaserriss in der rechten Wade zugezogen, und musste bereits am Vormittag nach der Flucht ins Krankenhaus. Dort habe ich dann eine ganze Woche verbracht und habe von vielem, was in dieser Zeit passiert ist nichts mitbekommen und ich konnte auch keinen Einfluss auf die folgenden Geschehnisse nehmen. Der Rest des Jahres ist dann schnell und sehr turbulent vergangen und wir haben uns entschlossen, ab Januar 1980 wieder ein ganz normales Leben zu führen. Zum Glück ist es uns beiden auch schnell gelungen einen Arbeitsplatz zu bekommen und wir haben uns für einige Jahre fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nach dem Fall der Mauer habe ich natürlich die Veränderungen im Osten, wie auch im Westen mit viel Interesse verfolgt. Nach einigen Jahren des Verdrängens und den Versuchen diese Zeit zu vergessen, bekomme ich aber mittlerweile den Eindruck, dass das Interesse an der DDR-Zeit wieder zuzunehmen scheint.
Ganz egal, wie man diese Zeit auch erlebt hat und wie man diese Zeit im Nachhinein betrachtet, wir sollten nicht alles in Vergessenheit geraten lassen, denn diese 40 Jahre sind ein sehr wesentlicher Teil unserer Vergangenheit und auch der Geschichte Deutschlands.“ Quelle: www.ballonflucht.de

Schon länger war Schul-Pfarrerin Annette Hirzel über Augenzeugenberichte, Zeitungsartikel und Kinofilm auf Spurensuche dieser wahren Fluchtgeschichte und hatte den Kontakt zu Günter Wetzel hergestellt, um damit auch die Erinnerung an den 9. November 1989 mit den Mauer- und Grenzöffnungen zwischen den beiden deutschen Staaten wachzuhalten. Wer das damals live am Fernsehen erlebt hat, wird die Bilder der Freude nie mehr vergessen. Dank der finanziellen Unterstützung von Freunden und Förderern des Anno-Gymnasiums und der Kooperation mit dem Arbeitnehmerzentrum Königswinter, wo Herr Wetzel ebenfalls einen Vortrag hielt, konnte sie den Zeitzeugen ans Anno-Gymnasium Siegburg einladen. Jüngere Jahrgangsstufen sind mit Recht schon jetzt gespannt darauf, diese Fluchterfahrung auch einmal am Anno aus erster Hand zu hören und zu sehen.

Annette Hirzel, Schul-Pfarrerin