Melissa Quint (Q1) hat an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages zum Holocaust-Gedenktag 2016 teilgenommen. Als sie zum „Kristallnacht“-Gedenken 2015 im Anno-Gymnasium den von ihr gründlich recherchierten Lebens- und Leidensweg ihres jüdischen Berliner Großvaters Willi Kessler, der Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald überlebt hatte, schilderte, waren ihre Mitschülerinnen und Mitschüler auf ganz ungewohnte Weise betroffen und berührt. Auch beim ökumenischen Novemberpogrom-Gedenken in Dollendorf waren die Zuhörer von ihrem Bildervortrag tief beeindruckt. Eine ganz besondere Situation war es für Melissa und die ganze Gruppe, als sie auf einer Studienfahrt mit Schul-Pfarrerin Annette Hirzel zur Gedenkstätte Buchenwald am 11. April 2015 - auf den Tag genau 71Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner – an diesem Ort Archivunterlagen über ihren Großvater erhielt.

Aufgrund ihres herausragenden Engagements benannte Pfarrerin Hirzel in Kooperation mit der Gedenkstätte Landjuden an der Sieg Melissa für die Teilnahme an der Internationalen Jugendbegegnung in Berlin, zu der der Deutsche Bundestag jedes Jahr 80 engagierte Jugendliche einlädt.

In diesem Jahr beschäftigte sich die Jugendgruppe intensiv mit dem Thema NS-Zwangsarbeit, das im Mittelpunkt der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag stand. Im 2. Weltkrieg waren weit über 20 Millionen Menschen - Kriegsgefangene, zivile Arbeitskräfte und KZ-Häftlinge - im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit verschleppt worden. Allein in Berlin gab es 3000 Zwangsarbeiter-Sammelunterkünfte. Insgesamt geht man von etwa 30.000 solcher Lager im deutschen Reich und den besetzten Gebieten aus. Zwangsarbeiter gab es nahezu überall. Ohne die zwangsrekrutierten Männer, Frauen und auch Kinder wäre die Rüstungsproduktion komplett zusammengebrochen. Heute ist dieses Thema vielen kaum bekannt.

Am 22. Januar besuchte die Jugendgruppe von Berlin aus die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen, einen Symbolort für die Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern. Zurück in Berlin beschäftigten sie sich im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin Schöneweide mit dem Schicksal der Millionen zivilen ausländischen Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Zudem standen Zeitzeugengespräche mit zwei Zwangsarbeiterinnen aus Polen und Belarus und die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter ab dem Jahr 2000 sowie gegenwärtige Formen von Zwangsarbeit auf dem Programm. Höhepunkt war die Teilnahme an der Gedenkstunde im Bundestag am 27. Januar und die anschließende Podiumsdiskussion mit Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert und der Hauptrednerin, der Auschwitz-Überlebenden Prof. Dr. Ruth Klüger

Hier Melissas eigener Bericht über ihre Erfahrungen bei der Internationalen Jugendbegegnung 2016 des Deutschen Bundestages:

„Anfang dieses Jahres hatte ich die Chance, an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages teilzunehmen. Nachdem ich in Berlin angekommen war, fuhren wir noch am selben Abend nach Nordhausen zum KZ Mittelbau-Dora.

Als wir dort ankamen, war das Lager mit Schnee und Eis bedeckt. Anfangs wirkte dieser Ort für mich friedlich. Nur wenige Gebäude standen noch, und da das Lager auf einem Berg liegt, konnte man weit über weißbedeckte Felder blicken. Erst als ich mit meiner Gruppe draußen vor einer der umgebauten Baracken stand und den Erzählungen von den grausamen Geschichten aus Mittelbau-Dora lauschte, realisierte ich, was genau an diesem Ort, wo ich stand, damals geschehen war.

In diesem Moment war dieser Ort bedrückend, und ich dachte an die zahlreichen Menschen, die hier Unvorstellbares durchmachen mussten.

Besonders beeindruckt hat mich die Führung durch den Stollen von Mittelbau-Dora. Es war dunkel und beengend. Die Decken waren hoch und überall lag Schutt herum. Wir gingen schon eine ganze Weile, bis wir an dem Modell des Stollens Halt machten. Dort erklärte man uns, dass wir gerade nur 6% des gesamten Stollens gesehen hätten. Das war ein Schock für mich, und der Stollen kam mir anschließend noch gewaltiger und erdrückender vor.

In unseren Arbeitsgruppen haben wir viel geredet und vor allem diskutiert. Unter anderem haben wir uns mit der Frage „Wer hatte Schuld?“ auseinandergesetzt. Dabei stellte ich fest, dass dies einer der schwierigsten Fragen war. Ich habe versucht, auf mich persönlich Bezug zu nehmen. „Was hätte ich gemacht, wie hätte ich helfen können oder wäre es überhaupt möglich gewesen zu helfen?“ Viele verschiedene Meinungen trafen dabei aufeinander. Doch zum Schluss blieb die Frage so gut wie unbeantwortet, und manchmal stelle ich sie mir heute noch.

Am letzten Tag in Nordhausen besuchten wir die zahlreichen Außenlager des KZ Mittelbau-Dora. Diese lagen unmittelbar in den umliegenden Dörfern und vor den Augen der damaligen Bevölkerung. Es ist schwer sich vorzustellen, dass Menschen wegschauten, wenn andere Menschen litten oder Leid angetan wurde.

Zurück in Berlin besuchten wir das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin Schöneweide. Dieses ist, anders als Mittelbau-Dora, umringt von zahlreichen Wohnhäusern. Besonders hier haben die meisten Menschen weggeschaut und nichts gesagt. In der detailreichen Ausstellung konnten wir uns die Informationen größtenteils selbst erarbeiten. Heutzutage werden einige Baracken des Lagers als Kindergarten oder Autohaus genutzt, was für mich äußerst bizarr war.

Der Höhepunkt dieser Fahrt war die abschließende Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages am 27.01.16. Die dort von Ruth Klüger gehaltene Rede war sehr beeindruckend und ging mir nahe. Als zum Abschluss das Lied „die Moorsoldaten“ gespielt und gesungen wurde, hatte ich eine richtige Gänsehaut. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Ruth Klüger und dem Bundestagspräsidenten war ebenfalls sehr interessant und hat die meisten offenen Fragen beantwortet.

Allgemein wurde mir im Laufe der Jugendbegegnung bewusst, dass Zwangsarbeit während der NS-Zeit ein Massenphänomen war und dass die meisten Menschen heute darüber nur sehr wenig wissen. Ich habe während dieser Zeit die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, und so gab es auch die verschiedensten Perspektiven auf das Thema Zwangsarbeit.

Deshalb finde ich es besonders wichtig, dass mehr Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzten sollten, um an jene Menschen mit diesem Schicksal zu erinnern. Doch wir sollten uns nicht nur erinnern, denn Zwangsarbeit ist heute noch in vielen Ländern aktuell.

Ich bin sehr froh darüber, an der Jugendbegegnung teilgenommen zu haben. Ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt, die ich unter anderem mit ins Leben nehme. An dieser Stelle möchte ich Frau Hirzel und der Gedenkstätte Landjuden an der Sieg herzlichst danken, dass sie mir dieses einmalige Erlebnis ermöglicht haben.“

Mit Melissa hat zum 7. Mal eine Schülerin unserer Schule an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages teilgenommen.

Annette Hirzel