Aufführung des Theaterkurses der Q1 – Einer flog über das Kuckucksnest

Wie gehen wir mit Menschen um, die anders sind, anders denken oder handeln und nicht in unsere Erwartungs- oder Rollenmuster passen? Der Theaterkurs des Anno-Gymnasiums brachte eine Theaterversion des berühmten Filmklassikers und Romans „Einer flog über das Kuckucksnest“ auf die Bühne und konfrontierte das Publikum mit heute noch relevanten Fragen und Themen. 

Das Stück zeigt eine psychiatrische Station, in der Menschen, mehr oder weniger freiwillig, versammelt sind, die in der Welt „draußen“ nicht zurechtkommen. Sie haben Angst vor den Beleidigungen und Abwertungen wegen ihrer Schwächen, Minderwertigkeitskomplexe oder Tiks und haben traumatische Übergriffe oder Abstürze erlebt. Sie unterwerfen sich deshalb der Herrschaft einer machtbewussten Oberschwester (unbeugsam und gefühlskalt gespielt von Ronja Pini) und fürchten sich mehr vor der Welt da draußen als vor ihr.

Das Arrangement gerät ins Schwanken, als der Patient Mc Murphy eingewiesen wird. Es hat den Anschein, dass er den Aufenthalt für besser hält als das Arbeitslager. Rebellisch, aufmüpfig und selbstbewusst gespielt von Justus Hellmich mischt er zunächst spielerisch die Station auf und gerät mit der Oberschwester aneinander. Der Konflikt spitzt sich aber immer mehr zu, da die Oberschwester nicht willens ist, diesen Machtkampf und den Einfluss auf die anderen Patienten zu verlieren. Mit den nötigen Machtmitteln ausgestattet, Elektroschocks und Hirn-OP, kann sie sich deshalb nach einer Eskalation des Konflikts durchsetzen – um den Preis eines Menschenlebens.

Dem Ensemble gelingt es dabei in den Therapieszenen und mit den Elektroschocks das Perfide und Menschenverachtende der Stationsstruktur für die ausgelieferten Patienten zu zeigen. Gleichzeitig geht es aber auch auf Seiten des Patienten Mc Murphy um Macht und Rebellion um seiner eigenen Vorteile willen. Er wird nicht nur als positiver Gegenspieler zur Stationsschwester dargestellt, sondern verhält sich selbst manipulativ und zum Teil rücksichtslos seinen Mitpatienten gegenüber. Gleichzeitig gelingt es ihm aber auch durch sein Vorbild, die Lebensgeister und -lust in den anderen zu wecken und ihren Selbstbehauptungswillen zu fördern. So gelingt der Aufführung eine Vielschichtigkeit, die dem Publikum keine einfache Identifikation erlaubt.

Am Ende steht aber das Scheitern. Mc Murphy stirbt und die Patienten werden wohl in ihrem früheren Dasein auf Station verharren. Die Oberschwester gewinnt den Machtkampf und behält ihre Position. Kein optimistischer Blick am Ende des Theaterabends, aber viele Fragen, die mit dem Stück aufgeworfen werden.

Nichtsdestotrotz konnten sich die Jugendlichen des Theaterkurses am Ende freuen, dass ihnen die Aufführung gut gelungen war, und man merkte ihnen Erleichterung und Stolz an, wie auch beiden Lehrkräften Jessica Gillenkirch und Jochen Peters, die Regie führten. Im Schulkontext ist es besonders interessant zu sehen, wie sich die Jugendlichen jenseits des Unterrichts in ihren Rollen entwickeln und beweisen. Besonders hervorzuheben wäre neben den genannten Hauptdarstellern Lien Loisen, die berührend und beeindruckend den stotternden und von Angst geprägten Billy Bibbit darstellte.  

In weiteren Rollen waren zu sehen: Ashir Asif, Timo Dreschers, Tim Hoim, Mael Klein und Leon Zlatic als Patienten; Luisa Hachen als Schwester, Ilya Peredreyev als Pfleger und Maja Jörgenshaus, die auch das Plakat und das Programmheft gestaltete, als korrupte Ärztin sowie Dakota Hessler als Gast der Station, Candy Star. Eine überraschende Gastrolle übernahm Kursleiter Jochen Peters, der an beiden Abenden in der Rolle des Ruckly für den erkrankten Timo Junghärtchen einsprang.