Mit einer Lesung aus ihrem spannenden Roman „Die Rechnung“ stellte Dorothee Bernhardt den Religions- und Philosophiekursen der Jgst. 10 anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht von 1938 ihre historisch-literarische Recherche der eigenen Familienwurzeln vor. Die Autorin, Absolventin des Anno-Gymnasiums von 1984, hat Literatur und Geschichte studiert. Die dreifache Mutter arbeitet für eine Berliner Großbank im Bereich Compliance, d.h. zur Verhinderung von Geldwäsche. Aber ihre Liebe zur Literatur und ihr Interesse an Geschichte sind zusammen mit eigener Familienforschung eine besondere Allianz eingegangen, aus der der 2018 erschienene Roman „Die Rechnung“ hervorgegangen ist.

Lesung B

2014 hatte Dorothee Bernhardt mit Nachforschungen zum bis dato unbekannten Vater ihres Vaters begonnen, der in den 1930er Jahren als unehelicher Sohn einer rheinischen Katholikin in ein Waisenhaus gekommen und dann von Pflegeeltern aufgenommen worden war. Seine leibliche Mutter hatte er kennengelernt, ohne eine besondere Beziehung zu ihr aufzubauen. Sie hatte nie den Namen des Kindsvaters verraten.
Die Vermutung, die am Anfang der Spurensuche im Raum stand, nämlich dass die Mutter ihres Vaters auch den damaligen Behörden gegenüber so eisern geschwiegen hatte, weil der Vater ihres Kindes Jude war und sie damit ihr Kind und sich selbst geschützt hatte, hat sich auf mehrfach überraschende Weise am Ende bestätigt.

Auf dieser historischen Grundlage hat die Autorin einen Roman-Plot erstellt mit der 17jährigen Berliner Abiturientin Judith als Protagonistin. An Geschichte nicht wirklich interessiert, wird sie doch neugierig, was es mit dem unbekannten Vater ihres Großvaters auf sich hat. Zudem findet sie auf dem Dachboden ihrer Großeltern im Rheinland eine merkwürdige Quittung aus dem Jahr 1937. Sie beginnt ihre Nachforschungen über Internet, Archivbesuche in Köln und Düsseldorf und Zeugenbefragungen. Dabei stößt sie auf Verwandte im Ausland, von deren Existenz die Familie nie geahnt hatte, findet so auch die zur Quittung gehörende Rechnung und deckt ein dunkles Kapitel in der Familiengeschichte auf. Im Roman kommen auch die leiblichen Eltern des Großvaters mit ihren Schicksalen ans Licht, auf die die nationalsozialistische Rassenpolitik ihre vernichtenden Schatten geworfen hatte, längst schon vor den Gewaltexzessen im November 1938, den Enteignungen, Vertreibungen und dem millionenfachen Mord an Menschen jüdischen Glaubens, an Demokraten, Homosexuellen, Sinti und Roma und Zeugen Jehovas und allen, die Widerstand leisteten.
In dieser Mischung aus autobiografischer Recherche und fiktivem Roman, geschrieben aus der Sicht einer heutigen Jugendlichen, ist so ein bis zur letzten Seite spannender, aber keineswegs reißerischer Roman entstanden, der auf einfühlsame Weise mit dieser einen Lebensspur die Erinnerung an das Schicksal vieler namenloser Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wachhält.
„Wir alle sind in dieser Geschichte mitten drin“, sagt Dorothee Bernhardt, „wir können Geschichte lenken oder sie passieren lassen.“

(Annette Hirzel, Pfarrerin am Anno-Gymnasium Siegburg)

Der Roman „Die Rechnung“ von Dorothee Bernhardt ist 2018 im Verlag Tredition erschienen.
Paperback 14,99 €, Hardcover 20.,99 €, e-book 4,99€