„Was für ein Glück, dass Sie eidbrüchig geworden sind“, begrüßte Norbert Michels, Geschäftsführer Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln, die ehemalige Cellistin vom Mädchenorchester in Auschwitz, Dr. Anita Lasker-Wallfisch.

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Zum zweiten Mal hatte er dem Anno-Gymnasium, seiner ehemaligen Schule, die Chance ermöglicht, die 93jährige Holocaust-Überlebende live zu erleben. Die hatte nach ihrer Auswanderung 1946 nach England eigentlich nie wieder deutschen Boden betreten wollen.

„Ein ganz besonderes Geschenk, eine ganz große Geste, dass Sie Deutschland immer wieder bereisen und Schulen besuchen und Wehrhaftigkeit anmahnen gegenüber all den Fake News, die ganz Europa überziehen“, bedankte sich Schulleiter Sebastian Kaas, der zu Beginn zahlreiche Gäste zu diesem Zeitzeugengespräch begrüßen konnte. Die Aula war gefüllt von den Jugendlichen der Jgst. 10 und 11 und etlichen 9-er-Kursen. Auch ein Oberstufenkurs des kooperierenden Gymnasiums Alleestraße hatte die Einladung gern angenommen.

Cordula Engel (Klavier) und Sebastian Kunz (Violine) führten mit der Titelmusik aus „Schindlers Liste“ stimmungsvoll – feinfühlig in diese ganz besondere Begegnung ein.

2016 war Anita Lasker-Wallfisch anlässlich der Titelverleihung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zum ersten Mal an unsere Schule gekommen. Die diesjährigen Abiturienten hatten sie damals schon kennenlernen dürfen. Einen Bericht darüber findet sich hier.

Auch diesmal begann Anita Lasker-Wallfisch mit ihren Erinnerungen an ihre unbeschwerte Kindheit. Zusammen mit ihren beiden Schwestern wuchs sie in einer deutsch-jüdischen Bildungsfamilie in Breslau heran, in der Musik und Sprachen eine große Rolle spielten. Erste antisemitische Anfeindungen erfuhr sie als Achtjährige in der Schule, als sie die Tafelputzen wollte und eine Mitschülerin rief: „Gib den Juden nicht den Schwamm!“ Aus Anfeindungen wurden Ausgrenzungen, und sie begann, alle Kinder zu beneiden, die nicht mit dem „Stigma Jude“ gekennzeichnet waren. Als die Schikanen und Drangsalierungen eskalierten, war der Vater, optimistisch wie er war, immer noch überzeugt, dass „die Deutschen diesen Unsinn nicht mitmachen“. Ein tödlicher Irrtum angesichts von „Volkswut – Zerstörung – Massenverhaftung - Konzentrationslager“. Der ältesten Schwester war noch rechtzeitig die Ausreise nach England gelungen, für die Eltern und die beiden jüngeren Töchter aber gab es kein Entrinnen mehr. Das „J“ in ihren Pässen machte jeden Fluchtversuch ins Ausland unmöglich, denn: „Welches Land will schon gern von Flüchtlingen überrollt werden?“ Im April 1942 wurden die Eltern deportiert. Wie die Töchter erst später erfuhren, ins Ghetto Izbica bei Lublin. Dort hatten sie ihre eigenen Gräber schaufeln müssen, bevor sie erschossen wurde. An Vaters Psalmwort in seinem letzten Brief hat sie oft denken müssen, wenn es ihr schlecht ging: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von wannen mir Hilfe kommt“ (Ps 121). Ob ihr der Glaube geholfen habe, wird sie später gefragt. Nein, an einen Gott da oben, der hier unten schon alles richtet, glaube sie nicht… Aber wer weiß, ob da nicht doch etwas ist, was über uns hinausgeht.

Die beiden Schwestern kamen in Breslau ins Waisenhaus und wurden dann zur Zwangsarbeit in einer Papierfabrik eingesetzt. Ihnen gelang es, über ein Loch in der Toilettenwand mit französischen Gefangenen Kontakt aufzunehmen, für die sie Urkunden fälschten. Bis sie aufflogen und verhaftet wurden. Zum Glück nicht als Jüdinnen, sondern als Kriminelle. Dann wurden ihre Wege getrennt, und Anita wurde nach Auschwitz verfrachtet.
Nach der Ankunft wurden ihr die Haare abgeschoren und eine Nummer in den linken Unterarm eintätowiert. „In kürzester Zeit fand man sich jeglicher Faser menschlicher Würde beraubt.“ „Haben Sie die Nummer heute noch?“ Auf die spätere Frage aus den Schülerreihen antwortete sie mit einer Gegenfrage: „Warum fragen Sie das? Glauben Sie, die hätte ich mir weglasern lassen? Die Vergangenheit auswischen? Den Holocaust-Leugnern damit noch Recht geben? Die gehört zu meinem Leben. Viele Jahre sind mir gestohlen worden. Aber ich habe ein gutes Leben gehabt. Ich habe nie zugelassen, dass die Nazis mir mein Leben kaputt gemacht haben.“

Wieso sie damals der jungen Frau, die ihr die Haare abscheren musste, erzählt hat, dass sie Cello spielte, weiß sie heute nicht mehr, aber deren Antwort hat sie nie vergessen: „Fantastisch! Stell dich abseits! Du wirst gerettet!“
Da hatte sie noch nicht ahnen können, dass man im Mädchenorchester, geleitet von Alma Rosé, der Nichte von Gustav Mahler, eine Cellistin suchte. Das war ihre Rettung. Märsche mussten die Musikerinnen spielen, wenn die Häftlinge in aller Frühe zur Sklavenarbeit losziehen mussten in die Fabriken und Steinbrüche und abends wiederkehrten, oder auch klassische Musik zum Vergnügen der SS-Bediensteten.

Trotz mancher Erleichterungen in der Baracke der Musikerinnen war es eine Illusion, zu glauben, anders als durch den Schornstein aus dieser Tötungsfabrik zu entkommen, in der an einem Tag bis zu 24.000 Menschen ermordet werden konnten. Stundenlang mussten die Gefangenen bei den Zählappellen draußen bei Schnee und Regen stehenbleiben, nur mangelhaft bekleidet, viele litten an Durchfall, niemand durfte sich bewegen. Unvergesslich bis heute der Gestank von verbranntem Menschenfleisch. „Unvorstellbar, was Menschen Menschen antun können.“ Und ebenso: „Man kann kaum glauben, was Menschen aushalten können.“

Wie durch ein Wunder fanden die beiden Schwestern sich im Lager eines Tages wieder. Erst viel später erfuhren sie, warum sie Ende Oktober 1944 doch lebendig aus Auschwitz entkamen: Vor der näher rückenden sowjetischen Armee wollten die Nazis möglichst viele Spuren verwischen. So wurden viele Häftlinge mit Viehwaggons Richtung Westen deportiert. Nach 4tägiger Fahrt und endlosen Fußmärschen durch die Lüneburger Heide kamen sie vollkommen erschöpft im Konzentrationslager Bergen-Belsen an. Es gab nichts zu essen, kein Wasser, überall Leichenberge und näher rückender Geschützdonner. Bis am 15. April 1945 Panzerketten im Lager rasselten. Da wurde es totenstill, und um 4 h nachmittags ertönte die Durchsage: „This ist the British Armee… You are free.“ Plötzlich war alles zu Ende. „Ich war 19 und fühlte mich wie 90.” Nein, frei waren sie noch lange nicht, sie gehörten nun zu den „displaced persons“, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte.

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Den mehr als 300 Jugendlichen, die gebannt jedes Wort verfolgt hatten, gab sie angesichts der menschlichen „Neigung zur gegenseitigen Vernichtung“ mit auf den Weg: „Sie haben besondere Verantwortung, als Europäer und besonders als Deutsche, für eine humane Gesellschaft. Als Mitglieder der Menschenrasse sind wir alle füreinander verantwortlich.“

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Viele ließen sich im Anschluss die Biografie „Ihr sollt die Wahrheit erben“ (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10 €) signieren von einer Frau, deren Schicksal und Persönlichkeit sie sicher nicht mehr vergessen werden.

Annette Hirzel