Vom 21. bis 27. Januar 2014 war Nora Weeg (Q1) vom Deutschen Bundestag zur Internationalen Jugendbegegnung anlässlich des Holocaust-Gedenktages eingeladen. Zum fünften Mal haben Schüler unserer Schule aufgrund des Vorschlagsrechtes von Schul-Pfarrerin Annette Hirzel daran teilnehmen können. Hier der Bericht von Nora Weeg.
Im November hatte ich anlässlich des „Kristallnacht“-Gedenkens sowohl in unserer Schule als auch in der Gedenkstätte „Landjuden an der Sieg“ die Geschichte der Rettung der 8-köpfigen jüdischen Familie Bernauer während des Zweiten Weltkrieges, an der meine Urgroßeltern maßgeblich beteiligt waren, Vorträge gehalten. Dazu hatte ich im Vorhinein und auch noch einige Monate danach in Zusammenarbeit mit Frau Hirzel viel recherchiert. Aus diesem Grund bekam ich die Ehre, an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages teilzunehmen. Zu dieser jährlichen Veranstaltung werden 80 Jugendliche aus verschiedensten Ländern eingeladen, die sich ehrenamtlich zur Geschichte des Nationalsozialismus oder gegen Antisemitismus oder Rassismus engagieren, da dies stets Thema der Jugendbegegnungen ist. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf der Blockade Leningrads.

Leningrad (heute St. Petersburg) wurde vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 von der deutschen Heerestruppe Nord und finnischen Truppen belagert. Die 900-tägige Belagerung hatte die systematische Aushungerung der Stadt zum Ziel. Weder Personen noch Waren durften in oder aus der Stadt. So herrschte in der Stadt grausamer Hunger. Außerdem gab es keinen Strom und fließend Wasser mehr. Der Winter brachte eisige Temperaturen. Dazu kamen später tägliche Bombenangriffe. Während der Belagerung starben über eine Million Menschen in der Stadt. Leichen am Straßenrand waren kein seltenes Bild.

Um mehr über die Umstände und auch den heutigen Umgang damit zu erfahren, flogen wir nach St. Petersburg. Dort hörten wir viele Vorträge von Professoren, bekamen Führungen an Denkmälern und historischen Orten und führten auch zwei Zeitzeugengespräche. Dabei waren wir oft auf die Hilfe unserer Dolmetscherin angewiesen. Besonders beeindruckend wirkte auf mich dabei auch der „Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof“. Dort liegen 500 000 anonyme Leichen. Die Atmosphäre war bedrückend. Die riesigen Flächen, unter denen die Leichen liegen, zeigen die unvorstellbaren Dimensionen des Grauens dieser Zeit.

Aber auch das Zeitzeugengespräch hat mich tief beeindruckt. Mit 15 Jugendlichen hörten wir uns die Erzählungen einer älteren Frau an, die während der Blockade als Kind auf einem Dorf nahe der Stadt gelebt hatte. Uns gegenüber war sie sehr offen und wir konnten ihr viele Fragen stellen. Sie berichtete von ihren Erfahrungen: vom Hunger, der Kälte, dem Tod des eigenen Vaters, dem Arbeitslager, den Kinderversuche, der Zwangsarbeit als Leibeigene, dem Tod ihrer Mutter und dem Kämpfen ums Überleben, letztlich nur noch mit ihrer Schwester. Trotz dieser schrecklichen Lebensgeschichte strahlte sie vor uns heute voller Lebensmut und -freude. Wir alle bewundern sie sehr für ihre positive Einstellung.

In der Gruppe hatten wir sehr viel Spaß und tauschten uns viel aus. Dadurch lernten wir auch noch einmal viele neue Dinge kennen, denn schließlich waren wir aus recht unterschiedlichen Gründen Teilnehmer der Veranstaltung. So arbeiteten manche in ihrem FSJ in Gedenkstätten, andere studierten Geschichte, wieder andere engagierten sich in ganz speziellen Projekten.
Der Abschluss unserer Reise war die offizielle Gedenkstunde am 27. Januar im Plenarsaal des Reichstagsgebäude. Diese durften wir sogar von den Plätzen direkt hinter den Abgeordneten verfolgen. Im Anschluss daran führten wir außerdem noch eine Podiumsdiskussion im Europasaal des Reichstagsgebäudes mit dem hochbetagten Hauptredner, dem Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin, der selbst die Blockade überlebt hatte, und dem Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert.

Die Jugendbegegnung war eine sehr vielseitige, intensive und lehrreiche Zeit, die ich wohl nie vergessen werde. Sie zeigte mir auch deutlich, wie wichtig die Erinnerungen an diese grausame Zeit sind.

Hier der Link auf den Artikel im Generalanzeiger-online vom 18.02.2014
http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/rhein-sieg-kreis/siegburg/Schuelerin-Nora-Weg-fuhr-gegen-das-Vergessen-nach-Russland-article1270514.html